Die 1-Jahres-Regel ist die wichtigste Besonderheit der deutschen Krypto-Besteuerung: Wer eine Kryptowährung länger als ein Jahr hält, kann den Gewinn aus dem Verkauf vollständig steuerfrei vereinnahmen – egal wie hoch er ausfällt. Dieser Beitrag erklärt, wie die Haltefrist berechnet wird, welche Stolperfallen es gibt und was das BMF-Schreiben von 2025 dazu klargestellt hat.

Worauf beruht die 1-Jahres-Regel?

Rechtsgrundlage ist § 23 Abs. 1 Nr. 2 EStG. Danach ist der Gewinn aus einem privaten Veräußerungsgeschäft nur steuerpflichtig, wenn zwischen Anschaffung und Veräußerung nicht mehr als ein Jahr liegt. Kryptowährungen zählen als „andere Wirtschaftsgüter“ und fallen damit unter diese Regelung. Nach Ablauf eines Jahres ist der Gewinn steuerfrei und muss nicht in der Steuererklärung angegeben werden.

Wie wird die Haltefrist berechnet?

Die Frist beginnt am Tag nach der Anschaffung und endet nach genau einem Jahr. Maßgeblich sind die tatsächlichen Kalendertage, nicht das Steuerjahr. Ein Beispiel:

AnschaffungFrist endetSteuerfreier Verkauf ab
15.03.202415.03.202516.03.2025

Ein Verkauf am 16.03.2025 ist also steuerfrei, ein Verkauf am 15.03.2025 oder früher dagegen steuerpflichtig. Bei nur einem Tag Unterschied kann das über mehrere Tausend Euro Steuer entscheiden – die genaue Einhaltung der Frist lohnt sich.

FIFO bestimmt, welche Coins betroffen sind

Wer dieselbe Kryptowährung mehrfach gekauft hat, muss bei einem Teilverkauf wissen, welche Einheiten als verkauft gelten. In Deutschland gilt dafür die FIFO-Methode: Die zuerst gekauften Coins gelten als zuerst verkauft. Damit knüpft die Haltefrist immer an das älteste noch vorhandene Kaufdatum an. Das ist für die 1-Jahres-Regel meist vorteilhaft, weil die ältesten Bestände die Jahresfrist am ehesten überschritten haben.

Rechenbeispiel: steuerfrei vs. steuerpflichtig

DatumVorgangMengeKurs
01.04.2024Kauf2,0 SOL120 €
10.12.2024Kauf2,0 SOL180 €
20.05.2025Verkauf2,0 SOL200 €

Nach FIFO werden die im April 2024 gekauften SOL verkauft. Zwischen 01.04.2024 und 20.05.2025 liegt mehr als ein Jahr – der Gewinn von (200 € − 120 €) × 2 = 160 € ist steuerfrei. Die teureren Dezember-Coins bleiben im Bestand und ihre Frist läuft weiter.

Die 10-Jahres-Frist – und warum sie meist nicht greift

In § 23 Abs. 1 Nr. 2 Satz 4 EStG gibt es eine Verlängerung der Haltefrist auf zehn Jahre – allerdings nur für Wirtschaftsgüter, die als „Einkunftsquelle“ genutzt werden. Lange war unklar, ob das Staking oder Lending von Coins darunterfällt. Das BMF-Schreiben vom 06.03.2025 hat klargestellt: Staking verlängert die Haltefrist nicht auf zehn Jahre. Für die allermeisten Privatanleger bleibt es also bei der einjährigen Frist – auch wenn die gehaltenen Coins zwischenzeitlich gestakt wurden.

Häufige Stolperfallen

  • Tausch zählt als Verkauf: Wer BTC in ETH tauscht, startet für die ETH eine neue Haltefrist – und veräußert gleichzeitig die BTC.
  • Erhaltene Staking-Coins: Die Haltefrist beginnt mit dem Zufluss der Belohnung, nicht mit dem ursprünglichen Kauf der gestakten Coins.
  • Fehlende Kaufdaten: Wurden Coins von einer anderen Börse übertragen, muss das ursprüngliche Anschaffungsdatum nachgewiesen werden, sonst lässt sich die Frist nicht belegen.

Was gilt als Anschaffungszeitpunkt?

Die Haltefrist beginnt mit der Anschaffung – aber was genau zählt als Anschaffung? Je nach Vorgang ist ein anderer Zeitpunkt maßgeblich:

VorgangBeginn der Haltefrist
Kauf gegen EuroTag des Kaufs
Tausch (z. B. BTC → ETH)Tag des Tauschs (für die erhaltene Währung)
Staking-BelohnungTag des Zuflusses der Belohnung

Wer Coins von einer anderen Börse oder Wallet nach Bitpanda überträgt, übernimmt das ursprüngliche Anschaffungsdatum – eine reine Übertragung ist keine neue Anschaffung. Damit die Frist nachweisbar bleibt, sollten Sie die Belege des ursprünglichen Kaufs aufbewahren.

Verkäufe mit Blick auf die Frist planen

Die einjährige Frist lässt sich gezielt nutzen. Wer einen größeren Gewinn realisieren möchte, kann durch Abwarten der Jahresfrist die komplette Steuer vermeiden. Bei mehreren Teilkäufen bestimmt die FIFO-Methode, welche Positionen zuerst verkauft werden – in der Regel die ältesten, die der Frist am nächsten sind.

Ein praktischer Hinweis: Da der Tausch in eine andere Kryptowährung die Frist für die neue Währung zurücksetzt, kann häufiges Umschichten die Steuerfreiheit verhindern. Wer langfristig hält, profitiert dagegen am stärksten von der 1-Jahres-Regel.

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Dieser Beitrag ist eine allgemeine Orientierungshilfe und ersetzt keine individuelle Steuerberatung.